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Geschichten



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Geschichte aus der Alterssiedlung

IMMER DIESE VERWECHSLUNGEN

Frau Paravicini fühlt sich wohl in ihrer kleinen Wohnung in der Alterssiedlung. Klar, es war schon nicht ganz einfach, das grosse Haus aufzugeben und zu verlassen. Am meisten schmerzte es sie, dass sie lieb gewordene Bücher und Andenken aus Platzmangel nur zu einem kleinen Teil mitnehmen konnte. Was alles so Platz hat in einem Haus – man kann es sich nicht vorstellen, bis man anfängt, aufzuräumen und auszusortieren!
Das Unangenehmste ist, wenn man am neuen Ort merkt, dass man das falsche aussortiert hat! So ging es Frau Paravicini. Statt die Brotschneidemaschine zu verschenken und den Toaster mitzunehmen, hatte sie dies grad umgekehrt gemacht. Und jetzt fehlte ihr der Toaster, jetzt, wo sie allein am Frühstück sass und ihr Brot ein paar Tage reichte, sodass sie froh gewesen wäre, die immer trockener werdenden Brotscheiben toasten zu können.
So war es auch nicht verwunderlich, dass sie Wochen brauchte, um sich am neuen Ort zurecht zu finden und einzurichten. Hin und wieder schien es ihr, wie wenn ihr Gedächtnis manchmal eigenen Wege einschlagen würde, solche, die sie bis anhin nicht gekannt hatte.
Eines Morgens, sie schlief noch halb, strich sie statt Zahnpaste Hämorrhoidensalbe auf die Zahnbürste. Nachdem sie sich vom Schrecken erholt hatte, packte sie ein Lachkrampf. Zum Glück sieht das niemand, prustete sie vor sich hin, das gäbe ja eine Nummer für die Fastnacht. Ebenso wie der Essig, der statt Öl in der Bratpfanne landete und die halbe kleine Küche verspritzte... Und damit nicht genug: anstatt den Brief an ihre Tochter in den Briefkasten zu werfen, verschwanden die Hausschlüssel mit einem Plumps durch den Schlitz! Was mit ziemlichen Umständen verbunden war, bis sie die Schlüssel wieder hatte.
Frau Paravicini kam ins Grübeln. Eigentlich hatte sie gehofft, die Demenz Abteilung noch eine Zeitlang meiden zu können. Ob es nicht besser wäre, sich jemandem anzuvertrauen? Der Doktor hätte vielleicht ein Mittel dagegen? Heutzutage, wo es für alles Pillen gibt.
Als sie merkte, dass die Grübelei auch nicht weiterhalf, beschloss sie, sich die Tage so gut es ging ein wenig spannender zu gestalten. Einige Reisen ins nahe Ausland zu unternehmen, öfter sich einen Kinobesuch gönnen und auswärts essen zu gehen.
Gesagt, getan. Nur: ans Reisen hatten andere auch gedacht, sodass die Züge meistens bumsvoll waren, oft war kaum ein Sitzplatz zu ergattern, und wenn, immer nur mit meistens endlos schwatzenden oder telefonierenden Mitfahrgästen. Lästig. Vor allem diese ewige Telefoniererei ging ihr schrecklich auf den Geist. Frau Paravicini kam schon wieder ins Grübeln.
Dann hatte sie eine wahrhaft einschlagende Idee: Sah sie beim Einsteigen, dass kaum ein Platz frei war, nahm sie ihr Händy und tat so, wie wenn sie telefonieren würde: „Oh du Arme, immer noch krank? Ich dachte gestern bei meinem Besuch schon, dass es Dir nicht gut ging. - - - Was? Der Doktor sagt, es sei ein Virus? Ein sehr schlimmer, ansteckender? O Gott, hoffentlich habe ich mich gestern nicht bei dir angesteckt!“
Frau Paravicini lässt das Telefon sinken und stiert erschlagen vor sich hin. Oh Wunder, das ganze Vierer Abteil hat sich geleert, aufseufzend nimmt sie Platz und ist einmal wieder froh, alt zu sein und den Altersbonus so gut eingesetzt zu haben... Und sie beschliesst, die Demenz noch ein wenig vor sich her zu schieben und abzuwarten. Wer weiss, was für Überraschungen die Zukunft noch bereit hält?

Lilly Bardill

Geschichte aus der Alterssiedlung

JAKOBS AUSFLUG

Jakob ist ein Patient – exküsi, heutzutage heisst das: ein Bewohner der Pflege-
abteilung im Altersheim. Er habe ein bisschen Alzheimer, fröhlich erklärt er das den Leuten , die wissen wollen, weshalb er im Altersheim wohnt. Jakob ist ein sehr angenehmer Mensch, der oft lacht und Witzchen erzählt, der Freude an jeder Zuwendung hat und sich jeden Tag aufs Essen freut. Wenn er besonders gut gelaunt ist, singt er Lieder aus der Kindheit. Kurz, ein rundum gerne gesehener Bewohner im Heim.
Am Sonntag darf er manchmal zu seiner Tochter zum Mittagessen. Die Schwester Angela oder Karin oder wie sie so heissen, setzt ihn in den Bus, und schwupps, los geht es. Umsteigen am Bahnhof und 15 Minuten später klingelt er an Susannes Haustür, der Tochter, die ihn gerne mit seinen Lieblingsspeisen verwöhnt.
So auch an diesem Herbstsonntag.
Jakob steigt am Bahnhof aus dem Bus. Neugierig schaut er sich um und sieht das rote Zügli für Arosa. Frohgemut steigt er in einen leeren Wagen, setzt sich hin und wartet auf die Dinge, die da kommen werden.
Bald ruckelt der Zug los, über knirschende Geleise durch die Stadt, mit einem Jakob, der sich die Hände reibt und denkt, endlich mal was anderes! Der Zugbegleiter kommt und will eine Fahrkarte, Jakob streckt ihm eine Zehnernote hin, die er im Gilet findet. Der Mann meint unwillig, er sei kein Schalter und das Billet müsse man am Bahnhof lösen. Jakob strahlt und meint, er hätte keine Zeit mehr gehabt. Also, brummt der Mann, einmal ist keinmal und lässt den Passagier dann in Ruhe.
Was für eine abwechslungsreiche Fahrt! staunt Jakob aus dem Fenster: Wälder, kleine Bahnhöfe, Felsen und Schluchten, eine nach der anderen, das ist mal eine Gegend! sagt er und fühlt sich im siebenten Himmel. Und: hier bin ich früher auch schon gefahren, meint er sich zu erinnern. Aber eben: mit den Erinnerungen ist nicht immer alles in Butter. Auf jeden Fall: er geniesst die Fahrt. Nach einer Stunde heisst es: alles aussteigen!
Der Zug ist in Arosa angekommen. Was jetzt? Jakob schaut sich um und sieht diverse Pferdegespanne vor wunderschönen Kutschen stehen. Nichts wie hin und eingestiegen. Der Kutscher erklärt wohin und was es kostet. Eine halbe oder eine ganze Stunde? Jakob nickt und meint: so lange wie möglich. Es riecht so gut nach Pferd und die Sonne scheint auf einen Jakob, der sich wie Weihnachten fühlt.
Im Pflegeheim schellt das Telefon. Die Tochter will wissen, wo Jakob bleibt? Die Schwester sagt, dass sie ihn wie abgemacht in den Bus verfrachtet hat. Jetzt aber kommt die Tochter ins Schwitzen. Seit einer Stunde ist Jakob überfällig. Was tun? Wo kann er hingegangen sein? Ein Hin und ein Her setzt ein und Tochter und einige andere machen sich auf die Suche nach dem Vermissten. Stundenlang. In der ganzen Stadt kein Jakob.
Der muss inzwischen zugeben, dass er kein Geld für die Kutschenfahrt bei sich hat. Die Tochter wird es bezahlen, beruhigt er den aufgebrachten Kutscher. Dieser will Adresse und Telefonnummer der Tochter wissen. Jakob zermartert sich das Hirn – die Adresse fällt ihm nicht ein, geschweige denn die Telefonnummer. Verunsichert betrachte der Kutscher seinen Fahrgast, langsam geht es ihm auf, dass der wahrscheinlich nicht an einen Betrug gedacht hat, sondern einfach nicht weiss, wie und wieso er jetzt da ist, wo er ist. Was tun? Am besten die Polizei einschalten. Die Polizei, dein Freund und Helfer. Der Polizist, ein älterer freundlicher Mann, ist bald da und lässt sich die Sache erklären.
Nach längerem entlockt er aus Jakob seine Heimadresse, die etwas mit evangelisch oder so zu tun hat. Unser Polizist ist ein Churer – obwohl schon jahrelang in Arosa stationiert - und meint sich zu erinnern, dass am Stadtrand die evangelische Alterssiedlung beheimatet ist. Er meint aber auch, dass die jetzt anders heisst, es hat etwas mit der Donau zu tun. Donau? Donau? Nein, freut er sich, CADONAU. Ein Anruf nach dort fällt wie ein Stern vom Himmel: Jakob ist gefunden.
Mit dem netten Polizisten als Begleitung, der auch noch den Kutscher bezahlt hat, geht es ruckzuck mit dem Bähnli den umgekehrten Weg hinunter nach Chur. Er erzählt dem Polizist – wieso begleitet der ihn jetzt schon wieder?? - von früher, wo er einfach hingehen konnte, wann und wohin er wollte, aber heutzutage, äh, was wollte ich jetzt sagen? Am Bahnhof Chur schliesst ihn eine erleichterte Tochter mit Tränen in den Augen in die Arme und bringt ihn ins Heim zurück. Müde, aber glücklich fällt Jakob in seinem Bett in einen tiefen Schlaf, aus dem ihn nicht einmal die Aussicht auf ein prima Nachtessen wecken kann...



Lilly Bardill

Geschichte aus der Alterssiedlung

VON DER 80JÄHRIGEN, DIE IN DER DUSCHE AUSRUTSCHTE UND ZU BODEN KRACHTE

Kürzlich erwachte Frau Huber aus schwerem Schlaf, einer halben Bewusst-
losigkeit, die mit wirren Träumen Schweissausbrüche verursacht hatte. Sie beschloss, in die Dusche zu tappen, um die Schwere der Nacht abzuspülen.
Gesagt, getan.
Als das warme Wasser über sie hinunter plätscherte, schloss sie genussvoll die Augen. Sie sparte nicht am Duschgel, seifte sich tüchtig ein, von Kopf bis Fuss. Eine Anstrengung für eine so alte Frau! Sie setzte sich auf den Badehocker, um neue Kräfte zu sammeln. Ganz klar: im Alter ist alles Schwerarbeit, das Gehen, sogar das Essen, und vor allem die Körperpflege.
„Bald brauche ich dafür Hilfe“, bedauert Frau Huber vor sich hin, sie, die am liebsten alles selbstständig macht, schon seit immer. Sie schüttelt den Kopf über ihre heute negativen Gedanken. Das hätte sie besser nicht getan. Sie verliert das Gleichgewicht, es macht Platsch – und Frau Huber findet sich am Boden der Dusche auf dem Rücken wieder. Ihr Herz stolpert, sie erschrickt und schnappt nach Luft.
So ein Sturz kann einen Menschen ganz aus dem Rezept, äh, will sagen: Konzept bringen. Was tun? Nach unzähligen Anstrengungen, allein aufzustehen, weiss Frau Huber: sich irgendwie hinknien, das wäre jetzt das Richtige!. Aber das geht einfach nicht. Ihr einst schwer verletztes Knie tut nicht mit. Sie schielt zu der Notfallschnur, die an der Wand über ihr hängt. Von der Verwaltung für solche Fälle wie diesen gerechnet. Weil noch nie gebraucht, hängt sie zu hoch oben und Frau Huber meint, sie hämisch grinsen zu sehen.
Mühsam zieht sie am Bademantel, der an der anderen Ecke hängt. Dieser erbarmt sich und fällt auf sie. Rutschend und keuchend setzt sie sich darauf. Wenigstens ist sie jetzt weg vom kalten Boden.
Nachdem sie einige Minuten Kraft gesammelt hat, rutscht sie auf dem Bademantel ins Wohnzimmer. Dort hat es doch auch einen Notfall Knopf ist ihr eingefallen, aber auch dieser sehr hoch oben für am Boden liegende geschwächte Gestalten. Nach mehrmaligen Versuchen gelingt es ihr, mit dem auf dieser Rutschpartie mitgenommenen langen Schuhlöffel den Knopf zu erreichen und zu drücken. Aufatmend legt sie sich wieder hin, um auf die Hilfe zu warten. Die sei innert Minuten da, wurde immer wieder versprochen.
Zehn Minuten, eine halbe Stunde, Dreiviertel Stunden – nichts und Niemand kommt. „Schöner Notfallknopf, alles leere Versprechungen“, ärgert sich Frau Huber. Vor lauter Überanstrengung döst sie ein.
Mit einem Ruck erwacht sie und schaut nochmals auf den Knopf. Entsetzt merkt sie, dass sie den grünen statt den roten gedrückt hat. Vor Enttäuschung kommen ihr die Tränen. Zu alt für alles, resigniert sie, einfach zu alt.
Eine halbe Stunde vergeht, dann hört sie, dass ihre Perle, die wöchentlich einmal die kleine Wohnung putzt, im Anmarsch ist. So ein Glück, dass sie ausgerechnet am Putztag fallen musste. Das heisst: Glück im Unglück.
Noch nie war ihr Gabriela so willkommen. Sie ist eine Kräftige! Mit Ächzen und Ho Hopps stellt sie Frau Huber auf ihre zitternden Beine. Und streichelt ihr über das verschwitzte Gesicht.
Ende gut, alles gut.
Nachdem sie sich erholt hat, wird als allererstes die Schnur in der Dusche auf eine erreichbare Höhe gebracht. „Jetzt kann nichts mehr schief gehen“, seufzt Frau Huber, dankt dem lieben Herrgott dafür, dass der Sturz ohne Brüche über die Bühne gegangen ist. Sie beschliesst, die neu errungene Standfestigkeit mit ihrer Gabriela und einer Glace mit Rahm zu feiern.

Lilly Bardill

Ein Tatsachenbericht

TRAUMFERIEN-ALPTRAUM
Oder: ein Handy bei sich zu haben, hat auch Vorteile…

Das war wieder so ein Zwischenfall wie viele, die mir im Leben passieren. Oder – soll ich sagen, die mir jetzt in der dritten Lebenshälfte zustossen?
Wie dem auch sei: ich kann am besten schreiben, wenn ich allein bin. Meine vor Jahren herausgebrachte Lebensgeschichte rief nach einer Fortsetzung. Und: Hin und wieder brauchte ich Ferien von Haus, Hunden, Hühnern, Telefon, Enkelkindern und sonstigen Gästen.
Also beschloss ich, mir eine Woche Schreibferien zu gönnen.
Am liebsten in einer abgelegenen Alphütte, denn ich liebe die Abgeschiedenheit. Vor allem zum Schreiben.
Weil Hildegard von Bingen sagte, dass der Mensch zunächst einmal in seinem Herzen seine Taten bewegen soll, bevor er sie ausführe, überlegte ich mir diesen Schritt einige Monate. Nichts sprach dagegen.
Schon bricht der grosse Tag an. Hund KAY will mit. Mein Partner Peter packt zwei Kisten mit Feuerholz ins Auto, ich genügend Esswaren für eine Woche für den Hund und für mich. Frohen Mutes fährt die Fuhre das steile Bergsträsschen hinauf. Eine wunderschöne, renovierte Hütte ganz aus Stein erwartet uns. Herrliche Lage, und soooo ruhig. Vögel, Schmetterlinge, eine Bachstelze, Hirschspuren rund um die Hütte - es ist paradiesisch.
Das heimelige Stübchen erwärmt sich nach zwei Stunden ein klein wenig. Das Wasser kocht, der erste Kaffee ist fällig.
Beim Eindunkeln bin ich rechtschaffen müde vom Erkunden der Umgebung. Ich denke ans Schlafengehen. Aber, im Schlafraum herrschen höchstens 2 Grad. Es schüttelt mich vor Kälte nur schon bei der Vorstellung, eines meiner Kleidungsstücke auszuziehen. Im Gegenteil: ich ziehe zwei Pullover und die Windjacke über alles drüber. Obwohl Peter in weiser Voraussicht noch zwei Bettdecken mitgebracht hatte, es bleibt eiskalt, mir wird nicht warm.
Jede Stunde erwache ich aus unruhigem Dösen und schlottere aufs WC, weil meine Blase auch nicht zur Ruhe kommt. Nach dem 5. Mal aufstehen packt mich das Elend. Ich heule und setze mich vor die Türe, dort ist’s auch nicht kälter. Ich hadere mit dem Schicksal. Warum immer ich? Was ist falsch in meinem Denken, das mich immer wieder zu Wunschträumen verleitet, die dann in Alpträume entarten und ausufern?
Fragen über Leben und Tod entweichen in die sternklare Nacht. Statt einer Antwort von oben vom Herrn aller Dinge, stubbst mich KAY und meint, dass mit Heulen auch nichts zu ändern sei. Zusammen kriechen wir ins inzwischen wieder ganz ausgekühlte Bett. Ich falle in einen bleiernen Schlaf.
Plötzlich scheucht mich ein Geräusch auf, das sich bei näheren Betrachten als ein Hirsch entpuppt, der am Fensterladen rüttelt. Erschreckt ergreift er die Flucht.
Ich bin jetzt so wach, dass ich im Stübchen wieder ein Feuer entfache und über Gott und die Welt sinniere. Eigentlich ist mein momentanes Elend ein sehr kleines, ich meine, mit dem Rest der Welt verglichen. Und ich habe immer noch Peters Handy, das er mir aufgeschwatzt hat. Mit dem werde ich ihn zu Hilfe rufen.
Mitleidig verspricht er, nach einer Lösung zu suchen. Nach Stunden kommt er mit einem Gasofen, neu gekauft, angefahren.
Er – der Ofen – funktioniert prima, vor allem, solange Peter daneben steht. Kaum ist er wieder abgefahren, denn er will mich ja allein lassen, gibt der Ofen den Geist auf.
Aber an diesem Abend, nachdem ich einige Seiten geschrieben habe wie vorgenommen, steige ich getrost ins Bett. Denn ich bin nicht so schnell zu entmutigen, ich nicht. Bei Peters guten Gaben lag auch die alte Bettflasche. Ich schlafe selig ein und träume, in eine Überschwemmung geraten zu sein. Erschreckt fahre ich auf und bin pitschnass. Die Bettflasche hat den Geist aufgegeben und mich und das Bett überschwemmt. Alles ist nass, nur Hund KAY nicht, er guckt fragend vom anderen Kajütenbett herüber…
Ich hocke mich wieder ins Stübli und weiss es: Diesen Alptraum halte ich keine weitere Nacht mehr aus.
Peter, hol mich, mach diesem Alptraum ein Ende.
Ich weiss nicht, wohin mich der nächste Ferientraum hinkatapultiert.
Wahrscheinlich auf eine unbewohnte Insel vor Schottland, wo mich keiner mehr retten kann.
Ich bin ja auch nicht zu retten, weil ich immer wieder vergesse, dass ich alt, behindert und nicht mehr zu allem fähig bin.

Rita

Ich, Rita, bin ein gerieseltes Huhn. Also: braun und weiss getupft. Mit zwei anderen wurde ich am gleichen Tag gekauft, meine Kolleginnen waren: Aurelia, rotbraun und Elvira, hellbraun. Ganz klar: Aurelia war die Nummer Eins in unserem Trio. Sie schritt immer vor uns her, fand die besten Würmer und führte uns an. Den ganzen Tag. Ein schönes Bild: Aurelia vorneweg, dann Elvira und ich immer als Dritte im Bunde hintendrein.
Eines Tages, hörte unsere SIE einen Schrei. Sie rannte hinter das Haus und was sah sie? Aurelia lag tot am Boden, Herzschlag. Sie weinte um ihre schlaue Aurelia, die es sogar geschafft hatte, eine eigene Sprache zu entwickeln zum Betteln, die zum Nachbarn fliegen konnte, im Holzschopf den Futtersack entdeckt hatte und aufs Schopfdach verschwinden konnte.. Und überhaupt. SIE hat lieber lebendige Tiere als gestorbene.
Dann übernahm Elvira die Vorherrschaft. Ich immer hintennach. Das ging monatelang so, sogar beim Eierlegen ging sie immer als erste ins Nest. Aber ich posaunte lauter, wenn ich eines gelegt hatte, das musste jeder zugeben. Also machte ich schon zaghafte Versuche, nicht immer die Letzte zu sein.
Auch Elvira wurde vom Schicksal erwischt. Sie starb an Durchfall.
Plötzlich war ich allein. Sie finden das schlimm? Klar, ich auch, zuerst. Aber als ich merkte, dass niemand mehr sagte, wo’s langginge, machte ich mich auf, es selber zu entdecken. Ich fand es raus, wurde plötzlich mutig, frech und stark. Als erstes erkundete ich, wohin meine SIE immer verschwand, wenn sie mich draussen stehen liess. Ich lief mit tastenden Schritten hinter ihr her. Wohin? In die Küche. SIE war so gerührt über meinen Mut, dass SIE ein paar Haferflocken in die Hand nahm, mir diese hinhielt und ermunterte, doch zuzupicken: Die sind für dich! sagte sie lockend. Mit schielendem Auge wagte ich es. Und was denken Sie? Am nächsten Tag – SIE – war beim Kochen, hörte sie plötzlich ein zaghaftes Fragen kok kok kok und ich tauchte hinter der Wand zur Küche auf und schaute munter.
So ging es weiter, jeden Tag. Mein Selbstvertrauen und ich wuchsen zu einer richtigen Plaudertasche heran.
Es wurde langsam Winter und damit kalt. Was tun? Ein Gespräch mit einem anderen Nachbarn brachte Klarheit. Ich durfte in seinen grossen, offenen Stall umziehen, wo schon sechs Zwerghühnchen mit einer lächerlichen Frisur auf dem Kopf hausten. Unser Peter brachte mich hin. Er stellte mich im Stall auf den Boden. Die sechs Hühnchen kamen neugierig heran. Ich plusterte mich auf und stiess drohende Töne aus. Sechs gegen einen? Mit mir nicht. Das mutigste vorne fiel vor Schreck grad um und auf den Rücken. Damit waren die Fronten geklärt. Übrigens: die Zwerge waren so dumm, auf einer Kiste zu übernachten, die nicht allzu hoch war. Und, was passierte? Der Fuchs holte innert kürzester Zeit drei von ihnen, schliesslich hatte der Junge zu versorgen. Ja, ja, so ist es eben im Landleben.
Ich war schlauer.
Vom ersten Abend an flog ich zu den Pferden in die Futterkrippe. Dort übernachtete ich seither und es ging mir bestens. Nur einmal trampte mir ein Pferd auf einen Fuss. Ich hinkte längere Zeit, aber dann vergass ich es. Ich freute mich meines Lebens – denn zu den Pferden getraut sich der Fuchs nicht hinein. Ja, manchmal, ich muss es gestehen, dachte ich, dass ich wahrscheinlich gar kein richtiges Huhn bin, sondern ein zu klein geratenes Pferd...
Jahre später: eines Tages fühlte ich mich seltsam. Ich kratzte mir ein Nest aus Heu zusammen, am Boden neben meinem Pferd. Da blieb ich dann zwei Tage liegen und dann entflog ich in einem Traum in den Hühnerhimmel. Jetzt beobachte ich die ganzen Stallgeschichten von oben. Und die sind spannend, das kann ich Ihnen sagen! Ich bin zwar nur ein Huhn, aber ich habe ein richtiges, ausgefülltes Leben gehabt.

Lilly Bardill

AUS DEM HERZEN KEINE MÖRDERGRUBE
Kürzeste Geschichten


ANNA
Anna ist über siebzig.
Sie hat ihren Mann auf tragische Weise verloren.
Auf einer Wanderung erlitt er einen Herzinfarkt.
Otto musste lange im Wald liegen und warten, bis ihn jemand fand.
Dann atmete er noch drei Tage im Spital.
Seit diesem Tag kann Anna nicht mehr ihr Haus verlassen.
Sie ist unfähig, ohne ihre vier Wände zu sein.
Ihr ist zumute, wie wenn der Horizont zerfliessen würde, sobald sie ausser Haus ist. Alles und alle verlieren ihre Festigkeit.
Und Anna fürchtet, auch auseinander zu fliessen.
Und so bleibt sie zu Hause.
Anna hofft, dass sie noch lange allein leben und ihre Alltäglichkeiten bewältigen kann.
Im vertrauten Heim mit seinen festen Abgrenzungen.


ADRIAN
Adrian schien ein wenig zurückgeblieben.
Er war aber nichts anderes als von seinen Eltern vernachlässigt worden.
Die Maurer Lehre absolvierte er weit weg von daheim.
Im neuen Ort probierte er eifrig, Fuss zu fassen.
Es war nicht einfach, in der eingeschworenen Dorfgemeinschaft einen Fuss in die Türe zu setzen. So kam Adrian auf den kühnen Gedanken, bei einem der vielen Vereine im Dorf mitzumachen.
Er erkundigte sich bei verschiedenen. Keiner gefiel ihm so recht.
Am Ende fragte er beim Alpenclub an.
Und diesem hat er sich mit Erfolg angeschlossen.
Er hat Kameraden gefunden, die ihn auf alle Bergtouren mitnahmen. Alle hatten den holprigen, ernsten Jungen gern.
Eines Tages verlor er beim Überqueren eines Eisfeldes den Halt.
Er rutschte aus und fiel hunderte von Metern in die Tiefe.
Seine Kameraden, die ihn geborgen hatten, fuhren bedrückt zu seiner Beerdigung.
Seine Eltern, die in seinem jungen Leben nicht viel Notiz von ihm genommen, hatten die Urne mit seiner Asche in der Stube unter einem Spiegel ausgestellt.
Hier stand sie nun, die Urne, mit frommen Sprüchen geschmückt und mit vielen Blumen. Seltsame Blüten aus Schuldgefühlen geboren?
Und dort steht die Urne auch heute noch.


CORDULA
Seit dem Tode ihres Hundes dachte Cordula – genannt Cordi – plötzlich öfter über die Wiedergeburt nach. Wie kam das? Ihr Hund hatte eine grosse Lücke hinterlassen. Cordi weinte tagelang um ihren Artur – genannt Turli.
Jedes Mal, wenn sie an ihn dachte, flossen ihre Tränen.
Cordi wusste zwar, wie es ist, zu trauern.
Der Tod hatte einige ihrer Angehörigen, auch einige Hunde, dahin gerafft. Aber so sehr weinen hatte sie noch um keinen müssen.
Cordi vermisste ihren Turli zu sehr.
Sie kam ins Grübeln.
Wie war das gewesen, als Turli zu ihr ins Haus gebracht worden war?
Damals war er 12 Wochen alt gewesen. Er kam ins Haus, hatte sich umgeschaut, wie wenn er alle und sie im Besonderen wieder erkennen würde. Wie vertraut hatte er sie angesehen.
Sofort hatte er über die anderen Hunde das Kommando übernommen.
Und diese hatte es sich gefallen lassen, obwohl er so ein kleiner Welpe war.
Vielleicht, grübelte Cordi, vielleicht war Turli früher ein Mensch gewesen?
Aber wer? Ihr verstorbener Lebensgefährte? Der war so zielsicher aufgetreten. Oder Onkel Theo? Der hatte alle Hunde gehasst. Musste er deshalb jetzt als Hund?
Mit diesem vielem Grübeln geriet Cordis Weltbild aus den Fugen.
Sie beschloss, nach Indien auszuwandern. Oder nach Tibet.
Dort wollte sie über die Reinkarnation nachdenken und mehr erfahren.
Sie verkaufte ihr Haus, brachte ihre Tiere bei Freunden unter und verschwand.
Und niemand hat seither etwas von ihr gehört ...


GERTRUD
Trudis Sohn Jakob ist ein 24jähriger, schwer zu verstehender Mensch. Trudi denkt immer öfter, dass es für ihn an der Zeit wäre, die mütterliche Wohnung zu verlassen, um auf eignen Füssen zu stehen.
Aber: Wie sage ich es meinem Kinde?
Eines Tages schlug Jakob vor, an Mutters Auto die Winterreifen zu montieren. Trudi, die nicht gerade mit solchen Angeboten von ihrem Sohn überhäuft wurde, milde gesagt, nahm das Angebot dankbar an.
Froh fährt sie anschliessend in die Stadt.
Auf der Heimfahrt beschleicht sie plötzlich ein unsicheres Gefühl.
Tönt ihr Auto nicht anders als sonst?
Klar, die Winterreifen, die tönen anders.
Aber, ist da nicht ein ungewohntes Zittern?
Ein Vibrieren?
Kurz entschlossen steuert Trudi die nächste Garage an.
Nach längeren, vergeblichen Suchen vom Automechaniker, fällt Trudi der Reifenwechsel ein.
An allen vier Rädern sind die Schrauben nicht genug angezogen worden. Auf der Autobahn hätte die Katastrophe nicht lange auf sich warten lassen, meint der Mechaniker.
Verstört fährt Trudi nach Hause.
Nach einer schlaflosen Nacht legt sie ihrem Jakob nahe, sich möglichst bald eine eigene Wohnung zu suchen.


KATHARINA
Katharina wusste, dass sie sich vom ihrem Mann Rico trennen müsste. Zuviel Fremdes war zwischen sie getreten.
Alle Versuche, vernünftig miteinander zu reden, endeten im Streit. Zu viele Kräfte wurden mit Auseinandersetzungen verschlissen.
Es wurde ihr mit jedem Tag klarer bewusst, dass ihre weiteres Leben nur ohne einander weitergehen konnte.
Doch Rico glaubte ihr nicht. Er drängte verzweifelt zu immer neuen Aussprachen.
Eines Abends – zu wievielten Mal wohl? – war Katharina unterwegs zum Bahnhof. Also: nochmals reden, immer das Gleiche durchkauen, nicht zu Hause, an einem neutralen Ort, seufzte sie. Müde war sie, todmüde von den immer sich wiederholenden Erklärungen, die nichts fruchteten.
Wann würde er endlich begreifen und für sich selber einen neuen Weg suchen?
Eigentlich wollte sie nicht mehr diskutieren.
Sie wusste – und Rico würde akzeptieren müssen.
Katharina setzte sich vor dem Bahnhof auf eine Bank.
Der Zug kam und kam nicht.
Später teilte ein Bahnbeamter mit, dass der Zug nach Z. entgleist sei. Niemand ist verletzt, fügte er hinzu, aber für heute fahren keine Züge mehr nach Z. meint er bedauernd.
Für Katharina war dieser Zwischenfall ein Fingerzeig.
Erleichtert schlenderte sie nach Hause, zu den Kindern.
Wegen ihr mussten keine Züge mehr entgleisen.
Sie setzte sich hin und schrieb einen Brief.
Den letzten, allerletzten an einen Menschen, der einen wichtigen Teil ihres Lebens begleitet und dann die Luft zum Atmen vergiftet hatte.


MARTHA
Martha ist eine selbständige Person.
Ihr Lebensmotto heisst: Nur nie andere für ihre Wünsche und Bedürfnisse einspannen. Nur nie jemanden um einen Gefallen bitten müssen.
Sie aber hilft anderen Menschen gerne.
Vor allem bei Steuererklärungen und ähnlichen Dingen.
Marthas Sorge, anderen Menschen zur Last zu fallen geht so weit, dass sie, obwohl noch nicht fünfzig, an ihrem Wohnort im grössten Friedhof der Schweiz ein Grab für sich gekauft hat. Die Bepflanzungen für vierzig Jahre hat sie auch schon berappt. Warum?
Weil sie es nicht fertig bringt, jemanden im Leben zu belästigen, ist ihr der Gedanke unerträglich, es im Tode tun zu müssen.
Geben können viele.
Aber annehmen ist für viele eine Frage der Würde.
Oder der Demut?


PAUL
Paul war von Beruf Grenzwächter, so hiess dieser Beruf früher.
Oft kam es ihm vor, wie wenn er sein Leben lang ein solcher gewesen wäre. Er hatte eine grosse Fertigkeit erworben, in Pässen, Gesichtern und Körperhaltungen zu lesen.
Wenn ihn ein gewisses Misstrauen befiel, hatte das meistens seinen guten Grund.
Aber einmal irrte er sich, und dieser Irrtum beschäftigte ihn sehr und bewirkte, dass er ein wenig grosszügiger wurde in seinen Beurteilungen.
Eines Tages fuhr ein bärtiger Mann in einem vernachlässigten Auto vor die Zollschranke. Auf Verlangen klaubte er seinen Pass hervor.
Paul war nicht fähig – auch nach längerem Prüfen und
Vergleichen – eine Ähnlichkeit zwischen dem Bärtigen im Auto und der Foto im Pass zu entdecken. Beim besten Willen nicht.
Er wurde hart in seinem Innern und schickte den Mann dahin zurück, woher er gekommen. Doch im Laufe des Tages musste Paul immer wieder an den Mann denken. Hatte er ihn zu Recht abgewiesen?
Wenn nicht, weshalb hatte sich der Mann nicht gewehrt?
Einige Stunden später fuhr besagtes Auto wieder vor.
Am Steuer sass ein Mann ohne Bart.
Sein Gesicht war rot und mit blutigen Kratzern übersät.
Verlegen hielt er den Pass aus dem Fenster.
Es war der Bärtige vom Vormittag.
Paul schämte sich.
Flösste er, Paul, den Menschen Angst ein?


DIETER
Als ich am Bahnhof auf einen verspäteten Zug wartete, lernte ich den Dieter kennen. Ich sass auf einer Bank und beobachtete einen jungen Mann im Jägerhut, der unruhig auf und ab und hin und her tigerte. Weil der Zug auf sich warten liess, kamen wir ins Gespräch.
Dieter war verzweifelt. Er erzählte, dass er aus der DDR geflüchtet sei und jetzt in grosser Angst vor Verfolgern lebe. Er stand unter einer unerträglichen Anspannung, sonst hätte er dies gewiss nicht einer Fremden erzählt, einem jungen Menschen, der ich damals war.
Ich liess den Zug abfahren und wir redeten stundenlang.
Abgründe taten sich mir auf. Mir, die in einem behüteten Land wohnte...
Dieter fand dann Arbeit bei einem Schreiner.
Ich traf ihn nochmals beim Fest des Fussballvereins.
Wir tanzten zusammen und ich spürte seine Heimatlosigkeit.
Er sprach von Todesahnungen.
Kurz darauf wurde ein Mann aus der Via Mala geborgen. Man wusste nicht, ob er selber hinunter gesprungen oder ob er gestossen worden war.
Dieser Mann war Dieter.
Ich glaube nicht, dass er sich selber umgebracht hatte. Aber ich sagte nichts. Schliesslich hatte er mir vertraut.
Und so besuchte ich jahrelang sein Grab.
Ob er jetzt zu Hause ist?


RITA
Rita probierte immer wieder, durch Umziehen in eine andere Wohnung ihrem unscheinbaren Lebensschiff etwas Abwechslung die die Gewässer zu bringen.
Leider aber neigte Rita zu Fehlentscheidungen beim Aussuchen der neuen Wohnungen.
Nach dem Ausziehen aus dem Elternhaus war ihre erste Wohnung eine lichte, mit viel Platz, mit Balkon und neuer Küche. Die Räume hoch, die Fenster breit – so richtig zum Durchatmen.
Als Rita rechtschaffen müde die erste Nacht schlafen ging, war an Schlaf nicht zu denken. Denn unter ihrem Schlafzimmer führte eine lebhaft befahrene Durchgangsstrasse vorbei. Rita hatte diese nicht bemerkt, als sie die Wohnung mietete. Ich werde mich daran gewöhnen, redete sie sich ein. Sie gewöhnte sich nicht.
Die nächste Wohnung fand sie in der Altstadt, einer Altstadt, die für Fahrzeuge gesperrt ist. Unter dem ausladenden Dach waren alte Holzbalken und eine herrliche Aussicht über die ganze Stadt.
Rita verteilte ihre Utensilien und freute sich über die Ruhe.
Die Freude währte nicht lange. Dann fingen bei Rita unerklärliche Beschwerden an: Sie war immer müde, hatte oft Brechreiz, sie schwitzte und fühlte sich krank. Nach langwierigen Abklärungen und einer Haaranalyse erwies sich, dass die wunderbar alten Balken mit einem Insektengift behandelt worden waren. Und dass dieses Gift langsam aber sicher Ritas Gesundheit untergrub.
Überstürzt sichtete Rita die nächste Bleibe.
Weil es keine Möglichkeit ohne Nachteile gibt, sucht Rita noch immer. Sie sucht aussen, statt nach ihrer inneren Heimat zu forschen.
Dort, wo sich der Mensch in erster Linie behaust fühlen müsste...

WIE WIR AUF DEN HUND KAMEN

Was für einen Hund? Fragte die Familie.
Einen lieben, sagte Mutter.
Einen, der klein ist und ein guter Läufer, sagte der Vater.
Einen zum ins Bett nehmen und streicheln, sagte das Kleinchen.
Mir ist es wurscht, ich brauche gar keinen, sagte der über alles erhabene Student.
Ich gehe dann nicht mit dem laufen, sagte sein um ein Jahr jüngerer Bruder.
Jahrelang ging das hin und her, die Familie begnügte sich in der hundelosen Zeit mit einer Katze. Die hin und wieder Junge bekam und für Betrieb sorgte. Damals war Kastrieren und solches noch nicht angesagt.
Dann erblickte Mutter aus dem fahrenden Auto einen Herrn mit Papillon an der Leine. Sie riss einen Stopp, ihre Tochter flog fast in die Scheibe – damals waren Sicherheitsgurten noch gar nicht obligatorisch– und Mutter wusste es: einen solchen Hund will ich haben. Der Herr wurden mit Fragen gelöchert, zuhause der Vater der Kinder vor Tatsachen gestellt: „Ich habe DEN Hund für unsere hohen Ansprüche gefunden, er ist bildhübsch und so klein, dass er im Auto und überall in der Wohnung noch Platz findet, er läuft gerne und ist kein Kläffer. Und die Adresse habe ich auch. Und jetzt telefoniere ich. Punkt.“ Ausnahmsweise sagte er gar nichts mehr, die Zeit hatte gereift.
Die Züchterin in St. Gallen versprach die erste Hündin des nächsten oder übernächsten Wurfes.
Und nun darf diese selber erzählen, was und wie das so war bei der neuen Familie:

Ich heisse Marianka von Waldguet und bin ein Papillon, also ein Zwergspaniel. Meine Rasse ist eine uralte, der erste Papillon hat der Maler Giotto schon 1380 gemalt. Wir wurden nie eine Moderasse, weil unser Kleinsein unterschätzt wird. Denn früher mussten wir in den vornehmen Häusern Ratten jagen und ein gewisser Jagdtrieb ist uns erhalten geblieben. Wir riechen nicht nach Hund, werden sehr alt und spielen gerne bis ins hohe Alter. Alles gute Eigenschaften, deshalb sind wir ziemlich teuer.
Schon vor der Geburt wurde ich von meinen fünf Geschwistern um das letzte Bisschen Platz gebracht und war froh, als wir es dann mit fremder Hilfe auf die Welt geschafft hatten. Wir waren alle so winzig – Papillons gebären normalerweise 2-4 Welpen - dass meine SIE grosse Mühe aufwenden musste, um uns beide, meine Schwester Monique und mich am Leben zu erhalten. Die anderen waren gleich wieder in den Hundehimmel zurückgekehrt.
Als ich zehn Wochen alt war, kam ein Anruf einer neuen SIE, die mich unbedingt unbesehen und nur geschildert haben wollte. Die meine betrachtete mich nachdenklich und meinte, dass sie mich, wenn auch schweren Herzens, nach Graubünden bringen wolle. Ihr schien, die Neue hätte so etwas Verwandtes mit mir. Das verstand ich erst später.
Mit 12 Wochen kriegte ich den Autositz unter die Beine, um die lange Fahrt anzutreten. Meine Mama kam mit. Alles rollte wie am Schnürchen, dieses rollende Unding war nicht so schrecklich, wie ich befürchtet hatte. Ich kaute am Körbchen und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Und sie kamen. Als meine neue SIE mich in die Arme nahm, tat ich gar nicht fremd. Als aber nach einiger Zeit vier halbwilde Zweibeiner auftauchten und sich begeistert auf mich stürzten, bekam ich einen Schrecken und den Schluckauf. „Es sind nur meine Kinder“ beruhigte SIE mich.
Im mitgebrachten Körbchen fühlte ich mich so wohl, dass ich die erste Nacht durchschlief. Meine Mama hatte ein altes Tuch mit ihrem Duft hinterlassen, eine ungemein beruhigende Zutat.

Die Rote
Das Haus und den Garten habe ich erschnüffelt. Alles wäre schön und praktisch für einen kleinen Hund, wenn nur die Rote nicht wäre. Kaum springe ich um eine Ecke taucht sie auf, macht einen Buckel, tellerrunde Augen und faucht: Pfffffffffff. Ich fahre jedes Mal zusammen, an dieses unfreundliche Geräusch kann ich mich beim besten Willen nicht gewöhnen. Dann nimmt SIE mich hoch. erklärt mir, dass die Rote zuerst da war und sich beleidigt benimmt, weil ich eingedrungen bin. Das verstehe ich gut. Aber die Rote ist dumm; sie versteht nichts. Deshalb wird sie manchmal in die Waschküche getan, wenn ich mich draussen tummle.

Dieser Bienenstich war keine Süssspeise...
Golden scheint eine warme Septembersonne auf meinen Pelz. SIE macht Gartenarbeiten, die sie nicht liebt, aber mir zuliebe doch in Angriff nimmt, damit ich draussen sein kann. Die Rote räkelt sich auf der Mauer des Steingartens und betrachtet mich aus gelben Schlitzaugen. Der kalte Krieg ist noch im Gange, aber das soll andernorts auch nicht viel anders sein, habe ich mir sagen lassen.
Plötzlich lenkt mich ein Summen von der Roten ab.
Ein kleines, pelziges Etwas fliegt vor mir her. Ich ihm nach. Wir spielen Fangen. Noch und noch. Jetzt hab ich’s. Oioioioioi – ein Brennen ist in meiner Nase, ich weine und reibe sie zwischen den Pfoten, die um sich schlagen wie Dreschflügel. Sie will mich trösten, muss aber fast lachen. (So gemein, sage ich Ihnen). Aber es sieht halt komisch aus. Und von mir ist es die erste Erfahrung meines Lebens, dass ein Feind gar nicht gross sein muss, um gefährlich zu sein. Nie mehr werde ich eine Biene oder sonstige fliegende, gelbbraune, pelzige Ungeheuer jagen!

Ich wurde Mutter
In dem Alter, werden Sie staunen, die Kleine ist doch kaum jährig. Nun, so ganz richtige Mutter bin ich nicht geworden, nur Pflegemutter. Ich habe ein Kaninchen adoptiert. Und das kam so:
An einem schönen Tag kam SIE mit einer grossen Tasche am Arm zum Haus. Ich wütete in der Küche, denn mein Hundeohr hatte ein Gerumpel und ungewöhnliche Laute vernommen. Da passierte etwas, das ohne mich vonstatten ging. Auf mein Toben hin wurde ich hinausgelassen und durfte an der Tasche schnuppern. Ein ganz neuer Duft! Du meine liebe Güte: aus der Tasche kroch ein silbriggraues Tier. Das guckte mit sanften Augen in die Welt und auf mich und wedelte mit seinen langen Ohren. Stellen Sie sich das vor: Mit den Ohren wedeln. Unmöglich! Kaum hatte ich die Rote überstanden (die übrigens abhaute und bei den Nachbarn andockte), jetzt schon wieder ein neues Vieh. Jetzt aber protestieren, was das Zeug hält. Ich tat wie von Sinnen. SIE nahm mich hoch und erklärte mir die Sache: „Aber Janka, du darfst das Kaninchen nicht so einschüchtern. Es ist ein braves und hat auch noch Platz, sieh mal, wie gut es riecht und wie freundlich es ist.“ Ich liess mich überreden und stubbste das Kaninchen. Es liess sich von mir in Augen-, Nasen- und sonstigen Schein nehmen. Mein Herz beruhigte sein Rasen. Abends wartete ich voller Spannung auf die Fütterung des neuen Stallbewohners. Und ich, wählerisch bis zum geht nicht mehr und immer nur winzigkleine Portiönchen fressend, ich frass ein halbes Kaninchengeschirr voller Gerstenkörner. Meine SIE sagt dem Futterneid und Eifersucht. Ausserdem murmelt sie von tierisch und menschlich und Ähnlichkeiten. Aber das habe ich jetzt nicht verstanden, ich bin ja auch nur ein kleiner Hund.

BEZIEHUNGEN

Auf einmal fängt man an, es ist der Anfang der 70er Jahre, über Beziehungen zu reden, das Wort ist plötzlich modern, wird ganz gross geschrieben. Man spricht sozusagen täglich von zwischenmenschlichen Beziehungen, die Frauenzeitschriften sind voll von Themen über Beziehungen zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern. Ich, Janka, möchte zur Abwechslung über die Beziehungen zwischen dem Hund und seinem Rudel (Familie) plaudern. Und über selbige Mitglieder erzählen:

Er
Die erste Woche meines Hierseins vergesse ich nie. ER verhielt sich ein wenig gereizt. ER fand: so ein Theater um einen Hund. (Jahre später sagte SIEs 5jähriger Enkel eines Tages: „Du Omi, ich habe gemerkt, dass es zweierlei Lüt gibt.“ SIE: „Wie bitte?“ „Ja, es gibt Hundemenschen und andere...“) Also, mein ER gehörte eigentlich zu den anderen. Wahrscheinlich fand er erstens: dass er plötzlich zu kurz kam und zweitens: das missfiel ihm.
Inzwischen mag ER mich sehr.
Mittags, wenn er angefahren kommt, höre ich sein Motorengeräusch von weitem und will dann raus wischen zur Begrüssung. An Wochenende darf ich oft mit auf Bergtouren und so. (Er hat auch nichts dagegen, wenn ich einen Hasen jage) Am Morgen sagen neue SAC-Mitglieder spöttisch: „Was willst du mit dieser halben Portion Hund?“ Er schmunzelt nur. Nach 10stündiger Tour, die ich nur beim Klettern in seiner Kapuze verbringen musste, weil zu steil, sagen dann alle und wollen mir streicheln: „So ein tapferes Hündchen, läuft besser als die grossen, unglaublich!“ Sie hören es: Den Menschen muss man immer BEWEISEN. .Mit IHM darf ich vieles, er verrät mich nicht. Wenn er sich zum Mittagsschlaf hinlegt, schwupps hüpfe ich auf seinen Bauch und mache auch ein Nickerchen. Überhaupt: SIE meint, dass ich plötzlich mehr IHM gehöre als ihr, aber das ist nicht wahr. Ich gehöre dem ganzen Rudel. Nur wer jetzt der Chef ist, das lasse ich noch offen. Mal sehen.

Der Student
Er ist der älteste der Kinder und selten zu Hause. Das erste Mal, als er mich sah, behandelte er mich mit nachlässiger Herablassung. Er fand es unter seiner Würde, sich mit einer halben Portion Hund (so ein Seich: immer höre ich halbe Portion!) abzugeben, wie er sagte. Im Winter hatte der Ärmste Pech, er brach sich ein Bein und musste wochenlang liegen. Wer vertrieb ihm die Zeit? Wer hockte auf seinem Bett und lauschte den Spirituals, die er lauthals mitsang? Wer hörte ihm bei Lernen der blöden lateinischen Formeln zu? Wer liess sich herumbalgen? Sie haben es erraten: Die halbe Portion Hund.

Sein Bruder
ist ein Jahr jünger, aber höher oben. Seine Schuhe haben Grösse 46. und so gross, wie seine Füsse, ist auch sein Herz. Und seine Hände können wunderbar streicheln und trösten. Wer sagte, dass er dann nie mit dem Hund nach draussen ginge? Richtig, er. Jetzt macht er an seinem freien Tag weite Spaziergänge mit mir und erzählt mir viel Verschlossenes. Ich höre verständnisvoll zu und nicke von Zeit zu Zeit. Besonders mag ich ihn, wenn er nach Landjägern oder so Ausschau hält. Ich meine jetzt die Würste, nicht die Polizisten. Er ist immer hungrig und immer fällt für mich etwas ab. Am liebsten sind mir nächtlich gebratene Spiegeleier, ich darf dann den Teller auslecken.

Sabine

ist zwölfjährig und hat die beste Art für Tiere. Bei ihr fühle ich mich reihum prima. Wir haben zusammen eine Augensprache entwickelt. Wollen Sie ein Beispiel? Merke ich, dass sie beabsichtigt, ins Bett zu gehen, schaue ich sie so lange mit tieftraurigem, leidendem Ausdruck an, bis sie mich mitnimmt. Wenn nicht und ich in der Küche in meinem Körbchen übernachten muss, produziert es aus mir ein winzig kleines Protestbächlein. SIE schaut dann am Morgen strafend zuerst auf mich und dann auf ihre Tochter, die natürlich von nichts keine Ahnung hat. Wenn sie in der Schule Ärger erlebt, wem erzählt sie den flüsternder weise? Mir, nur mir.

Das Kleinchen
ist das sechsjährige Schlusszeichen der Kinderschar. Ihre Beziehungen zu mir sind manchmal etwas rau, aber herzlich. Ich bin oft sehr beschäftigt, um ihr Gesicht von Tränen zu säubern (wenn es niemand sieht), die ihr im Umgang mit der nachbarlichen Kinderschar reichlich über die runden Wangen kugeln. Auch wenn ich zu ihrer Schwester ins Bett krieche statt zu ihr, ist sie nicht zufrieden. Aber man kann sich nicht vierteln, oder? Der Gerechtigkeit zuliebe liege ich dann manchmal sonntags, wenn sie am Lesen ist, auf der Bettdecke. Sie hören es richtig. Unser Kleinchen ist ziemlich firm: sie kann schon lesen und rechnen, alles der grossen Schwester abgeschaut.

So, das wär’s für heute. Ich hoffe, Ihnen beim nächsten Mal hoffentlich eine Neuigkeit melden zu dürfen. Drücken Sie mir die Daumen! Es wäre der absolute Wahnsinn, wenn...

Fortsetzung folgt

Von Lilly Bardill

HINTERS LICHT GEFÜHRT

Versprechungen werden viele gegeben, auch gedankenlose. Mir wurde versprochen, dass ich eigene Kinder haben darf. Das wäre die versprochene Neuigkeit gewesen. Aber erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt, sagt Wilhelm Busch, deren Werke SIE oft konsultiert.

Bau nicht so sehr auf Worte stolz,
Selbst von den nettesten Kerlen;
Versprechen klingt wie Eichenholz,
Das Halten ist von Erlen.
Wilhelm Busch

Die Reise zum zukünftigen Vater meiner Kinder nach Langenthal war zwar weit, aber auch interessant. Er gefiel mir auf Anhieb und ich ihm auch. Es klappte wie am Schnürchen. Als meine SIE noch anschliessend auf der Rückreise die Gelegenheit nutzen wollte, die berühmte Zürcher Bahnhofstrasse zu besichtigen, benahm ich mich so gesittet, wie von mir erwartet wurde. Sogar als zwei ausgesprochen nette Zwergpudel und ein winziger Papillon, die zusammen eine blonde Dame hinter sich her herzogen, sehr aufdringlich wurden – es waren drei Vertreter des männlichen Geschlechtes, die rochen, was sozusagen bei mir los war –sogar da wusste ich ihnen zwar freundlich, aber mit Distanz zu begegnen. Noblesse oblige oder so.

Zuhause benahm ich mich sechs Wochen lang schwanger. Ich schlief viel, war empfindlich und nahm sogar 200 Gramm zu. Bis sich herausstellte, dass alles ein aufgelegter Schwindel von mir war. Hier die Kommentare, die ich stante pede zu hören bekam:

SIE: „Also gut, du Heuchlerin, glaube ja nicht, dass du im nächsten Frühling von einem zweiten Versuch verschont bleibst!“

ER: „So muss man nicht Angst haben, dass bei der Geburt etwas schief geht“ Nur zu Ihnen gesagt: bei seinen eigenen Kindern hatte er nicht solche Bedenken geäussert.....

Der Student: „So, du halbi Portion, bisch a Liabi aber a Schwindlari.“

Sein Bruder, ängstlich: “Muss denn unbedingt gezüchtet werden?“

Sabine: „Aber Janka, ich habe mich soooo gefreut, junge Welpen von dir zu betreuen.“ Sie schaut so traurig, dass ich mich schuldbewusst unter den Tisch verkroch.

Das Kleinchen: „Hemmar denn no nit gnuag Viecher?“
Dieser Ausspruch zielte auf eine Meerschweinchen Bande, die sie füttern musste, weil selber gewünscht, und auf die inzwischen 9 Kaninchen. Denn der Silbrige war nämlich schwanger gewesen!

Anschliessend muss ich noch von einer frohen aber auch traurigen Begebenheit berichten. Eines Tages war die Rote, die von Anfang an eine Zugelaufene gewesen war, wieder da. Mit scheelen Blicken kroch sie in die Waschküche und gebar auf einem schmutzigen Sockenhaufen ein dickes Tigerchen. Sie zog es auf und es wurde Bubi getauft.

Bubis wurde mein Spielkamerad, nachdem ein Novembernebel seine rastlose Mama geschluckt hatte. Ich liebte Bubi und er mich.
Eines Sonntags kam ER von einer Tour zurück und verkündete: „Ich habe Bubi einem Bergkameraden für seine Kinder versprochen.“ War der von allen Geistern verlassen? Unser Haussegen hing so etwas von schief, das kann ich Ihnen flüstern. „Versprochen ist versprochen!“ beharrte ER und Bubi verschwand. Wir verziehen IHM das nie ganz, mussten aber zum alltäglichen Tramp zurückkehren. Denn so ein schiefer Haussegen ist auch nicht gerade das gelbe vom Ei, wie Sie sicher alle wissen.

Aber meinen Bubi vergass ich nie, wir Hunde vergessen nichts. Kommt ein Besucher nach zwei Jahren wieder, wir erkennen ihn sofort und erinnern uns, ob er ein Hundemensch ist oder keiner. Sein Geruch, seine Stimme, sein Gehen, alles ist in uns eingegraben.

Liebe, verehrte Leser, drücken Sie mir also die Daumen, damit ich in dieser kinderfreundlichen Umgebung dann etwas Produktives zustande bringe.
Darum bittet:
Ihre Marianka genannt Janka

NEUIGKEITEN

Neuigkeiten: Ich habe Ihnen, geschätzte Leser, Neuigkeiten versprochen. Heutzutage, wo alles von Neuigkeiten davon voll ist, die Zeitungen, das Radio, der TV und was der neuen Dinger mehr sind, prallen viele Neuigkeiten an uns ab und vorbei. Aber diese wird nicht abprallen, denn sie hat bleibende Konsequenzen gehabt:

ANDI, AMIGO, APOLLO UND ALLEGRO

Was für Assoziationen lösen die obigen Namen bei Ihnen aus? Bei Andi sieht Ihr inneres Auge vielleicht einen smarten Amerikaner mit Bürstenschnitt und Kaugummi kauend? Wir haben in dieser Geschichte das Jahr l974, nicht zu vergessen. Amigo – der geliebte Freund mit leicht italienischem Einschlag und Temperament? Apollo, der griechische Gott, Sie wissen es von der Mythologie her, Apollo war der Gott der Dichtkunst und Musik. Heutzutage muss er für eine schäbige Raumfähre oder so herhalten. Und Allegro heisst schlicht: fröhlich, der Fröhliche.
Alles könnte so sein. Ist es aber nicht. Halten Sie sich fest – Andi, Amigo, Apollo und Allegro sind meine vier Söhne, geboren am 16. Januar 1974.
Vor Stolz bin ich vom Stuhl gefallen, konnte nicht weiter schreiben und bin in den Korb gesprungen. Ich habe mein Kleeblatt betrachtet und mich erinnert:

Eigentlich hätte ich schon – wie Sie erfahren haben - vor Jahresfrist Mutter werden sollen, es klappte aber nicht. Weil meine SIE überzeugt war, dass ich die geborene Mutter bin, was ich bei der Pflege von Kätzchen, Kaninchen und Meerschweinchen zur Genüge bewiesen hatte, liess SIE nicht locker. (Das ist bei ihr so, wenn SIE etwas will, ist sie ungeheuer hartnäckig, lästig gerade zu, fragen Sie nur meinen ER!)
Auf zur erneuten Hochzeit nach St. Gallen. Mein Mann Wuschel war mir sofort so etwas von, äh, einfach genehm. Die Folge unserer Verbindung liegt und schläft im Korb.
Von der trächtigen Zeit gibt es nicht viel zu berichten. Ich verschlang endlich mein Fressen mit Appetit. Als der Tag kam, zitterte ich. Ich zittere auch sonst hin und wieder, wenn Unbekanntes auf mich losstürmt, aber dieses war wie ein Schüttelfrost. Plötzlich war an meiner Seite ein hartes Stück anzufühlen. SIE liess ihren Laden im Stich, legte sich mit mir auf alten Leintüchern in ihre Bettwiese und strich über meinen Bauch, immer wieder. Keine halbe Stunde, und Andi kam Kopf voran auf die Welt. Ich schrie wie am Spiess und wäre sicher davongelaufen, wenn SIE mit nicht gehalten hätte.
Andi und Amigo kamen ganz schnell hintereinander und es war nicht mehr schlimm. Das ganze Familien-Rudel kam angehüpft, umstand und lobte uns. Ich war sehr stolz. Drei gesunde, herzige Söhne, die ich ablecken und pflegen durfte!
SIE blieb zum Glück bei mir. Es wurde dunkler, es wurde Nacht, da sah SIE plötzlich zwei winzige Füsschen aus meinem Unaussprechlichen hervorgucken. Und sie redete mir zu: „Drück fest, Janka, drück!“ Aber ich war einfach zu erledigt, ich konnte nicht mehr. Ganz vorsichtig hat SIE dann meinen letzten Sohn aus mir geholt. Den kleinsten, gerade 75 Gramm leicht: Allegro war da.

Wochen später:
Andi: ist immer noch der grösste, hat sein Geburtsgewicht vervierfacht, die andern übrigens auch. Er hat einen braun-weissen Körper. Sein Kopf ist braunschwarzweiss geschmückt mit einer weissen Blesse, die oben ein Herzchen bildet. Tapsig und gemütlich ohrfeigt er seine Brüder beim Spielen. Er trampt und kriecht über sie hinweg mit dem Charme aller Dickerchen, dann schläft er zuoberst auf dem Brüderhaufen. Wir sind vom Körbchen in die Wäschezaine umgezogen. Nimmt Sabine ihn hoch, produziert er auf der Stelle ein Bächlein. (Das hat er von mir).

Amigo ist vom Aussehen her mir am ähnlichsten. Er ist der Meisterschläfer der Hundebande. Er pennt und pennt und sein Charakter schläft auch noch, deshalb ist von ihm noch nicht viel zu erzählen.

Apollo ist anders als die anderen. Sein dunkles Köpfchen hat schon einen Ausdruck, fast erwachsen. Er guckt verständig und hört zu, wenn jemand mit ihm redet.

Allegro, was ihn seit seiner Geburt auszeichnet, ist sein ungeheurer Lebenswille. Eine halbe Portion, irgendwie noch nicht ganz fertig, winzig und fast nackt äusserte er sofort den Willen, zu leben, Nahrung zu suchen, Wärme, Geborgenheit. Er strampelte und ruderte mit den dünnen Beinchen, er piepste und wollte einfach leben. Vier Tage lang ertönte das Gepiepse und SIE musste helfen, die Nahrungsquelle zu finden. Es hat sich gelohnt! Wohl ist unser Fröhlicher noch der Kleinste, aber gesund und bildschön.
Ist es nicht wunderbar, unfasslich geheimnisvoll, was so ein Geschöpfchen treibt, „es“ nicht aufzugeben?

Das meint: Ihre Janka, stolze Mutter von Vierlingen..

BILDER EINER AUSSTELLUNG

Mein Rudel ist eine Bande von Tagebuchschreibern. ER schreibt das ganze Jahr über das Wetter auf, der Student alle Hochs und Tiefs beim Studieren, Sabine Erlebnisse in der blöden Schule und meine SIE ist am fleissigsten.
Ich habe in ihr Tagebuch gelinst:

Engagierten Hundezüchtern und –freunden wird – vor allem, wenn sie bemüht sind, ihre Rasse zu hegen, zu pflegen und in gutem Sinne zu vermehren, damit andere auch die Freuden erleben dürfen – hin und wieder von ihrem Club eine besondere Bitte vorgetragen. Sie werden schüchtern um Mitarbeit gebeten und sagen dann meistens nicht nein.
In der Folge einer solchen Bitte durfte ich an der Hundeausstellung in Lausanne dem Richter diverser Rassen als Schreiberin beistehen, und das hatte ich noch nie. Es geht etwa so: Der Schreiber muss in rasender Eile notieren, was ihm der Richter des jeweiligen Hundes zuruft. Er stellt dann Urkunden für den Sieger der jeweiligen Rasse aus und beide sind für Stunden emsig beschäftigt. Man kann als Anfänger viel lernen.
Die Hunde werden in Ringen gerichtet, an den Seilen stehen dann die Zuschauer. Und kommentieren. Sie wissen alles besser.
Mein Richter, der Wolfsspitze, andere Spitze, Boston Terrier, Mopse und natürlich Papillons richtete, der sah aus, wie Ganghofer in seinen Romanen weiland die Förster und Gamsjager geschildert hatte: Verwegen den Hut übers Wuschelhaar gestülpt, in Knickebockers und Kniestrümpfen, sein ganzes Auftreten deutete auf einen naturverbundenen Menschen hin, der seine Berge und Wälder nur verlassen hatte, um der Hundologie zu dienen. Als er aber den Mund auftat, um mich Anfängerin zu instruieren, kam ein merkwürdiges Deutsch heraus, das tönte nicht nach Bayern oder Österreich, sondern eher nach weiter im Osten, vermutlich Tschechien.
Wir fanden uns durch Schreien, der Lärm der lieben Zuschauer und der Hunde war enorm. Er schrie die Qualifikationen, ich schrieb sie auf. „So weit sind Sie den Hunden zuliebe gereist? fragte ich beeindruckt, als wir mangels Mittagpause im Stehen ein Schinkenbrot hinunter schlangen.
„Nai, nai“, sagte er, „Ich wohne jetz in Zäziwiu.“ Eine von den auch Freiwilligen vertraute mir hinter vorgehaltener Hand an, dass mein Tscheche in Zäziwil Tierarzt sei. Da sieht man wieder, wie der Schein trügen kann.

Die erste Dame, die ihren schönen, noch jungen und verspielten Wolfsspitz brachte, war schon etwas, na sagen wir, jenseits der Jugend. Aber man sah ihr die einstige Schönheit an. Ihr Augenaufschlag war gekonnt. Der Richter, der ihr erklären wollte, was an ihrem Liebling auszusetzen, beziehungsweise zu loben sei, merkte noch schnell, dass die Dame ihm zwar willig zuhörte, aber nichts verstand. „Kennen Sie Daitsch?“ fragte er. „O nou“, meinte sie verschämt und strahlend, „only Schatzeli und Schnuckiputzi!“
Die nächste, aus deutschen Landen sagte mit grosser Selbstverständlichkeit, als sie ihren Hund auf den Tisch hob: „Da ist alles Klasse, von mir sehen Sie keine minderwertige Ware und Qualität. Meine Hunde haben keine Fehler!“ fügte sie bei. Ware und Qualität, dachte ich empört. Diese Sicherheit, beneidenswert. „Warum lassen Sie diese denn von anderen beurteilen?“ machte mein Richter, der plötzlich stubenreines Hochdeutsch sprach und ziemlich verächtlich schaute.
Abends, als ich müde, aber zufrieden in den Lift kroch, traf ich dort einen bekannten Politiker aus Graubünden an. (Nicht den, den Sie meinen, der kam erst viel, viel später.) Er fragte mich aus und meinte, er bekomme immer Heimweh, wenn er unseren Dialekt höre. Der Lift kam und kam nicht zum Ausgang, mein Politiker hatte den Halt Knopf gedrückt, um ein wenig zu plauschen und seinen Heimatdialekt zu hören...

Das schrieb meine SIE in ihr Tagebuch.
Aber sagen Sie es niemanden, dass ich’s gelesen habe, sonst schämt sich

Ihre Janka

WIE WIR AUF DEN HUND KAMEN UND BLIEBEN...

Immer wenn etwas Unangenehmes passiert, zeigt der Mensch, was ihm wirklich an uns liegt – oder an seinen Mitmenschen. Weshalb kann er das uns nicht auch ohne Unglücke zeigen? Überhaupt: Was wäre, wenn wir uns alle gegenseitig hin und wieder versicherten, wie sehr wir uns mögen und brauchen?

Wir verbrachten Schneeferien im Münstertal. In der ganzen Schweiz lag an dieser Weihnacht kein Schnee, nur an unserem Ferienort lag er. Und zwar nicht nur in der Breite sondern auch in der Höhe. Die Kinder fuhren Ski, schlittelten, es war himmlisch. ER benutzte manchmal die Langlaufskis. Und kam plötzlich auf die Idee, den Hund mitzunehmen. Der Hund stand aufmerksam dabei, um ja nichts zu verpassen und SIE mahnte: „Ja nicht auf die Strasse, denn Marianka ist Autos nicht gewöhnt.“ Er nickte, und schwupps waren wir weg: zwei strahlende, aufgestellte Wesen mit erwartungsvoll glänzenden Augen.

Was dann zurückkam war weniger strahlend: Ich dreckig (im Schnee?) nass und so verängstigt, dass ich gleich unter die Eckbank in der Küche verschwand. ER, aufgelöst und zitternd, bat den Schwiegervater um ein Darlehen und hastete wieder aus dem Haus. Alle standen ratlos herum und versuchten, mich unter der Bank hervor zu locken. Ergebnislos.
Er kam zurück und erzählte:
„Wir waren prima im Wald unterwegs, da konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, über die spiegelglatte Haupstrasse zu gleiten.“ SIE schaute tadelnd. „Marianka immer brav neben mir. Auf einmal tauchte ein VW auf und gleich dahinter ein Mercedes. Janka wechselte abrupt die Strassenseite. Alles Rufen nutzte nichts. Der VW bremste und der Mercedes krachte in ihn hinein. Mit 800 Franken liess sich der Feriengast aus Deutschland beruhigen. Zum Glück ist dir nichts passiert, Janka, liebes Hündchen.“ Und ER streichelte mich, die sofort gemerkt hatte, dass sie Hauptperson dieses Dramas war und unter der Bank hervor gekrochen war.
Vor den 800 Franken hat ER nie wieder etwas erwähnt, ER, der sonst den Franken sehr in Ehren hält, wenn Sie verstehen, was ich meine. So lieb hat er mich!

Mein zweiter Wurf, der mit B war dann bald auch da. Die Welpen hiessen Bricki, Brandy und Bellinda. Letztere hat schon in den ersten Tagen einen Zunamen erhalten: Bellinda Knurr. Sie knurrt nämlich, seit sie eine Woche alt ist: noch nicht mal richtig da und schon knurrt sie, wenn sie aufgenommen oder angefasst wird. Sabine fragt die Zuschauer: „Wollen Sie hören, wie Bellinda knurrt?“ und es ist wie bei einem Aufziehhündchen: Sie gibt stimmbrüchige Rrrrrrs von sich. Als eine Familie sich meldet, die von ihr angetan ist, warnt SIE, dass Bellinda nicht ein ganz einfacher Hund werden wird, weil sie nämlich, wenn auf sehr klein für die Rasse, ein Alphatier ist, das am liebsten selber sagt, wo es lang geht. Aber die Familie ist nicht abzuhalten und schreibt dann einige Zeit später folgenden Brief:

Bellinda ist der Stolz und die Freude der ganzen Familie. Nun ist sie schon 2 Monate bei uns. Da wir vis à vis vom Schulhaus wohnen, war es bald dorfbekannt: S’Meyers hend en Hund. Ganz en chliine, aber so en heeerzige!“ Unsere Kinder bringen zwar immer viele Kameraden heim, aber so ein Kommen und Gehen wie in jenen Januartagen hatte wir noch nie.
Als unser Hundchen an der Leine gehen einigermassen kapiert hatte, musste er natürlich mit ins Dorf. Unsere Drei freuten sich nicht wenig über den Erfolg, den sie mit dem Hund hatten. Letzthin warf ich Lukas vor, er werfe sich immer in Positur, wenn er mit dem Hund unterwegs sei. Seine Antwort: „Ich wäre schön blöd, wenn ich es nicht täte mit einem solchen Hündchen.“ Sie sind nicht nur stolz, sie lieben Bellinda heiss. So ist es oft schwierig, die Kleine zu erziehen. Es hapert darum draussen noch mit dem Folgen. Aber wir werden es schon noch schaffen. Sie ist so – wie Sie sagten, dass alle über ihren Hund es meinen – das intelligenteste, vernünftigste, schönste...
Ich glaube, dass sie glücklich ist. Und deshalb verdient sie ihren Übernamen Knurr nicht mehr...

Sie hören es also auch von anderer Seite: Wir sind schön, klug und pfiffig.
Viele Jahre später war ein Feriengast einmal bei IHR im Haus. Er besass einen Eurasier, eine eher neuere Rasse aus dem Chow Chow und einem Schlittenhund gezüchtet, weiss nicht mehr welchen. Der Herr erzählte, dass er von der Züchterin mehr geprüft worden sei als bei seiner Abschlussprüfung als Arzt, ob er würdig sei, so einen seltenen Hund zu besitzen. SIE glaubte ihm dies nicht ganz, lachte aber gutmütig. Eines Tages kam der Herr mit einem dicken Buch unter dem Arm an und guckte überaus niedergeschlagen aus der Wäsche. Dann erzählte er: In Amerika – wo denn sonst – wurde die Klugheit von 300 Hunderassen gemessen, geprüft und aufgeschrieben und zwar: Intelligenz, Merkfähigkeit, Instinkt und was so alles zum Gescheit sein gehört.
„Ja, und“ meinte SIE neugierig.
„Meiner ist erst an 70. Stelle.“ „Oh je, aber ein Lieber ist er trotzdem“ tröstete SIE. Der Herr schaute immer noch belämmert.
„Ja vielleicht sicher, aber Ihrer ist an 7. Stelle“ gestand er kleinlaut.
Sie lachte und meinte, dass sie dies auch ohne dickes Buch gewusst habe.
Papillons gehören zu den allerklügsten, schönsten, besten... Und dazu auch noch liebsten Hunden.

Sie lesen es: sogar in Amerika wird über uns geschrieben.
Darauf ist sehr stolz –
Ihre Janka

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